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Kreis Schleswig-Flensburg

Erfolgsgeschichte aus dem Kreis Schleswig-Flensburg

Bianca Clausen lächelt, und in ihren großen blauen Augen leuchtet das Glück. So viel Freude ist im Leben der 25-Jährigen nicht selbstverständlich. Lange hat sie für sich keine Perspektive gesehen: Hauptschule, keine Lehrstelle, Gelegenheitsjobs, Aushilfe in einer Spielhalle. „Ich wollte ja“, sagt sie. „Aber ich wusste nicht, wie.“ Wie weitermachen, wenn dich das Bildungssystem ausgespuckt hat und dir ein sicherer Halt fehlt. Jemand, der dir Struktur gibt, der dir zeigt, was möglich ist, und dich an die Hand nimmt?

Die Wende kam, als Bianca im Dezember 2013 bei der Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung des Jobcenters Schleswig-Flensburg vorstellig wurde. Frustriert und ratlos, aber immer noch mit der Hoffnung, irgendwie etwas zu finden. Und dieses Mal wurde sie nicht enttäuscht. Ein computergestützter Berufswahltest spuckte das erstaunliche Ergebnis ihrer individuellen Stärken- und Schwächenanalyse aus: „Eine Lehre zur Orthopädieschuhmacherin.“ Bianca Clausen war verblüfft: „Damit hätte ich ja nie gerechnet. Ich hab doch nicht einmal gewusst, dass es diesen Ausbildungsberuf überhaupt gibt!“

Aber es gibt ihn, und mit dem Schleswiger Betrieb „Schuh Schlüter“ gab es sogar ein Unternehmen, das dringend auf der Suche nach gutem Nachwuchs war. „Allerdings“, räumt Inhaber Horst Clausen – mit seiner Auszubildenden trotz Namensgleichheit nicht verwandt und nicht verschwägert – ein, „musste ich meine Vorurteile überwinden, bevor ich Bianca zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen habe. Es ist einfach so – wenn du als Arbeitgeber vom Jobcenter angerufen wirst … Das überlegst du dir, ob du so jemanden haben willst.“ Der Orthopädieschuhmachermeister ist ein Freund klarer Worte. Und inzwischen lobt er seine Auszubildende überschwänglich: „Handwerklich talentiert, teamfähig, freundlich und zielorientiert.“ Er hält es sogar für möglich, dass Bianca die Lehrzeit von dreieinhalb auf zweieinhalb Jahre verkürzen könnte.

Und die Gelobte selbst? Sie lächelt bescheiden und errötet ein bisschen. Nicht der Wille, die Hilfe habe ihr gefehlt, sagt sie. Als sie die ersten Hürden genommen, sich vorgestellt und ein zweiwöchiges Praktikum gemacht hatte, war die Sache schnell klar: „Hier kann ich weitermachen. Hier habe ich eine Zukunft.“

Bianca Clausen verdankt diesen Erfolg dem Programm „azubidirekt“, einem Partnerprojekt des Kreises Schleswig-Flensburg mit der bequa – und einem ganz neuen Ansatz in der Arbeitsvermittlung. „Die Zeiten, in denen jedem, der kam, pauschal ein Bewerbungstraining und ein Computerkurs verpasst wurde, sind vorbei“, sagt Fachdienstleiter Henning Carstensen. „Uns kommt es auf eine individuelle Betrachtung der Menschen an.“ Wie sieht es aus mit ihrem Bildungsstand, ihrem Selbstbewusstsein und der Eigeninitiative? „Und dann erarbeiten wir für jeden eine passgenaue Methode, um ihn in den Markt zu bringen.“

Das hat bei Bianca Clausen geklappt. Und das hat auch bei Dana Neustadt und Yvonne Broja geklappt, die beide frustriert von jahrelangen vergeblichen Bewerbungsbemühungen froh über das neue Angebot waren, im Einzelcoaching für Aufstocker – dem „EG-BG-Coaching“, in Zusammenarbeit mit dem Bildungsträger TERTIA – ihre Perspektiven auszuloten. „Irgendwann ist man so am Boden“, berichtet Yvonne Broja, da rechnest du schon gar nicht mehr damit, dass dich überhaupt jemand haben will.“ Im Coaching habe sie vor allen Dingen an Selbstvertrauen gewonnen. „Und plötzlich ging alles wie von selbst: Bewerbung, Rückmeldung, Probearbeit, Vertrag als Pflegefachkraft – das alles dauerte keine 24 Stunden.“ Jetzt lächelt Henning Carstensen und nickt: „Der Schlüssel ist diese individuelle Betrachtung. Für den einen bedeutet sie Weiterbildung, für den anderen einfach nur eine Stärkung des Selbstbewusstseins oder jemanden zu haben, mit dem er reden kann.“ So war es auch bei Dana Neustadt, die sich um ihre fünfköpfige Familie kümmern und als Köchin auf keinen Fall in die Gastronomie zurückwollte. Im Gespräch mit ihrem Coach stellte sie fest, dass dieselben Kompetenzen, die sie als Köchin brauchte – nämlich Organisationsfähigkeit und Spaß im Team – auch für Büroarbeiten wichtig sind. Inzwischen arbeitet sie neben ihrer Beschäftigung in einer sozialen Einrichtung auch als Bürokraft.

Bianca Clausen, Yvonne Broja und Dana Neustadt – ihre Geschichten stehen stellvertretend für viele andere Menschen, die die Zeit der Unsicherheit und der Untätigkeit inzwischen hinter sich gelassen haben. Seitdem im Juni 2014 das „EG-BG-Coaching“ startete, sind die Zahlen der erfolgreichen Arbeitsvermittlungen im Kreis Schleswig-Flensburg sprunghaft angestiegen, die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum massiv gesunken. Lag die Quote im Mai noch bei 5,2 Prozent, weist die Statistik für den Oktober einen Wert von 4,7 Prozent aus. In Zahlen bedeutet das, dass seit Mai (6.305 Arbeitslose) 1.549 Menschen den Weg aus der Arbeitslosigkeit geschafft haben (Oktober: 4.767 Arbeitslose im Kreis). Bei den Ausbildungssuchenden liegt die Quote der Vermittlungen inzwischen bei 60 Prozent.
Dieser Aufwind am Arbeitsmarkt – er macht neugierig auf die kommende Entwicklung der Arbeitsvermittlung und auf neue Berichte von Menschen, die stolz und glücklich über ihren Sprung ins Berufsleben sind.